Besuch im Wunderland:    Schauspieler Kay Szacknys im Theater in der List

Ein Gedicht nach dem anderen: Der Schauspieler Kay Szacknys trägt im Theater an der List Gedichte von Joachim Ringelnatz vor. 

Hannover. Mit einem fröhlichen „Tach!“ betritt Kay Szacknys die kleine Bühne im Foyer des Theater in der List, die Lobby ist klein, 50 bis 60 Menschen sitzen da recht eng aufeinander, und dann geht es auch schon los. „Überall ist Wunderland“, der Ringelnatz Abend des Schauspielers, beginnt mit „Bumerang“, also einem der traurigsten Gedichte, die es so gibt. Oder ist das vielleicht der „Der Briefmark“? Das trägt Szacknys kurz danach vor.

 

 

Die ersten 15 Minuten des Abends scheint er tatsächlich kaum Atem zu holen, nippt noch nicht einmal an seinem Wasserglas: Ein Gedicht nach dem anderen, und hauptsächlich eine Erinnerung daran, dass Ringelnatz eben kein putziger Witzdichter war, sondern eine tragische Figur: Chronisch pleite, ein selbstzerstörerischer Trinker, ein Getriebener, dessen Kompass zwischen vielen Gelegenheitsjobs immer nur aufs Dichten zeigte und – später dann – ein von Tuberkulose zerfressener Kranker, noch dazu von den Nazis mit Auftrittsverbot belegt.

Von all dem erzählt Szacknys, kurz nur, zwischen den Gedichten und Geschichten, die ganz grob thematisch und chronologisch sortiert sind: Geschichten aus Ringelnatz‘ Zeit zur See, Gedichte aus der Zeit zwischen den Weltkriegen in München und Berlin und, in der zweiten Hälfte des Abends, Liebesgedichte. Aber den Hauptteil des Abends bildet Ringelnatz‘ Werk, aus seinem Leben erzählt Szacknys nur kurz, kleine Fitzelchen an Kontext, die dabei helfen, die Geschichten und Gedichte ein wenig besser einzuordnen, die aber nie in zu viel biographische Rezitirerei ausarten.

Liebevoll ins Publikum gehaucht

Szacknys gestikuliert viel beim Vortrag, wedelt mit den Armen, beugt sich vor, lässt sich in seinen Stuhl zurückfallen, liest mal voller Pathos, dann wieder wie ein besoffener Seemann auf der Reeperbahn nachts um halb drei, haucht liebevoll ins Publikum oder starrt es intensiv an. Der altgediente Schauspieler hat Spaß bei der Sache – und gibt Ringelnatz eine differenzierte Stimme. Oder vielleicht sogar mehrere davon.


Das Schöne an Ringelnatz – auch das zeigt der Abend und Kichern der Menschen, die bei Wein an den Tischen in der Lobby sitzen – ist, dass seine Gedichte sie nie ganz der Verzweiflung hingeben, obwohl er vor allem gegen Ende seines Lebens guten Grund dazu gehabt hätte. Da ist immer eine Wendung, ein Reim, ein lakonisches Wort, ein Witz, ein Bruch im Metrum, irgendwas, das zwischen all der Krankheit und dem Krieg und der Geldnot als kleines Stückchen Hoffnung auftaucht, dass alles vielleicht doch nicht so schlimm ist. Selbstverständlich arbeitet Szacknys genau diese kleinen Stellen und fein gesetzten Holperer noch einmal besonders heraus.

So wird aus den gut anderthalb Stunden ein doch eher gefälliger Ringelnatz-Abend, der es sich irgendwo zwischen gemütlich und verstörend, zwischen verzweifelten und überraschten Lachern bequem macht.

Die nächsten Aufführungen von „Überall ist Wunderland“ 18. und 19. November, 20 Uhr


Von Jan Fischer Hannoversche Allgemeine Zeitung online 8.10.2022