STADTKIND April 2015

von Wolke, 30.03.15 - hauskritik

theater in der list: gift. eine ehegeschichte


Anlässlich der notwendigen Umbettung ihres Sohnes, der ums Leben gekommen ist, trifft sich ein ehemaliges Ehepaar nach fast zwei Jahrzehnten zum ersten Mal auf dem Friedhof wieder. Was ist aus der Frau, was aus dem Mann geworden in der Zeit seit dem Schicksalsschlag? Zwischen Schuldgefühlen und Verständnis, Hoffnung und Verbitterung, zärtlicher Zuwendung und harschem Angriff bewegt sich das kinderlos gewordene Elternpaar in den Szenen des Wiedersehens azyklisch und ambivalent aufeinander zu und erneut auseinander. Damals ist der Mann gegangen …

Die Befürchtung, dass nun eine pathetische Abrechnung Raum greift, bewahrheitet sich erfreulicherweise nicht. Stattdessen gelingt es den zunächst scheinbar sehr fremd gewordenen Ehepartnern, die Distanz nach und nach zu verringern und sich zu öffnen, wobei ein Schritt nach vorne meist von zwei Schritten zurück ergänzt wird. Währenddessen beschreibt jeder Part seine jeweiligen Handlungen und die zugrunde liegenden Gefühle von damals und heute. Als Zuschauer nimmt man Teil an überaus intimen Bekenntnissen zweier konträrer Charaktere, die verschiedene Bewältigungsstrategien im Hinblick auf den Verlust und ergo unterschiedliche Handlungsweisen hervorgebracht haben. Es gelingt Sibylle Brunner und Willi Schlüter – fast ohne Bühnenhandlung, bloß durch schauspielerische Leistung – die Emotionslagen der Figuren solchermaßen darzustellen, dass man sich eins zu eins in sie hineinversetzen kann. Die überaus gefühlvolle Mimik der Frau spiegelt die Gefühle von Jahrzehnten im Schnelldurchlauf und zieht das Publikum mit hinein in die komplexe Gefühlswelt einer Person, die in ihrer Trauer verharrt, während der Herr nach außen hin weniger gefühlsbetont agiert, aber nicht weniger Emotionen in das Spiel einbringt. Ein schön herausgearbeiteter Kontrast, der die Unterschiede sichtbar und die Problematik nachvollziehbar macht, anhand derer man eigene Verhaltensoptionen abgleicht. Ein Stück und zwei Schauspieler, die so sensibel wie unprätentiös mit der Frage umgehen, ob und wie sich zwei Menschen wiederfinden können, die erst ihren Sohn, dann sich selbst und dann einander verloren haben. Große Gefühle bewegend zur Schau gestellt!

Anke Wittkopp